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"Es ist schön zu sehen, wie die Gruppe zusammenwächst", sagt Joana Allacher, die gemeinsam mit Ihrer Kollegin Medina Bijavica Projektleiterin des Grundbildungszentrums Ostwürttemberg ist. Das Grundbildungszentrum (GBZ) an der Gmünder Volkshochschule ist eine zentrale Anlaufstelle für Erwachsene, die Lesen, Schreiben oder Rechnen lernen möchten. Es ist Teil des Netzwerks in Baden-Württemberg und bietet individuelle Unterstützung, Beratung und spezielle Kursangebote. "Viele trauen sich kaum zu, in einem Kurs mitzumachen. Hier, zwischen den alten Büchern und dem besonderen Flair der Bibliothek, fühlen sie sich wohl und lernen fast nebenbei."
Ihre Kollegin Medina Bijavica ergänzt: "Der Ort gibt dem Treff eine besondere Atmosphäre. Die Teilnehmenden spüren: Hier geht es nicht um Druck, sondern um gemeinsames Entdecken und Wachsen. Das motiviert ungemein."
Der Lesetreff lebt von seiner Heterogenität: Die Altersspanne reicht von jungen Erwachsenen bis zu Senioren mit unterschiedlichen Lernbiographien und auch Migrationsgeschichte. Alle vereint aber: Sie möchten aus den unterschiedlichsten Gründen ihre Lese- und Schreibkompetenzen verbessern. Durch den informellen Rahmen und die alltagsnahe Ausrichtung gelingt es, Ängste abzubauen und Lernfortschritte sichtbar zu machen. "Manche kommen zunächst nur zum Zuhören", berichtet Bijavica, "doch nach wenigen Wochen trauen sie sich zu, selbst Texte zu lesen oder sogar kurze Geschichten zu schreiben."
Ein Erfolgsfaktor ist die Verknüpfung von Lernen und Gemeinschaft. "Wir lesen nicht nur gemeinsam, wir tauschen uns auch über die Inhalte aus", erklärt Allacher. "Das schafft Vertrauen und macht Lust auf mehr. Dass der Treff in der historischen Stadtbibliothek stattfindet, unterstreicht den besonderen Charakter: Hier wird nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch Kultur erlebbar gemacht."
Ich versuche, Lernen aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten, da es viele unterschiedliche Schritte umfasst. Dazu gehört zum Beispiel das Abschreiben, um sich bestimmte Grammatikthemen besser einzuprägen. Ebenso das Vorlesen, um in Kontakt mit Aussprache und Artikulation zu kommen. Auch das eigene Lesen mit dem Smartphone aufzunehmen kann sehr hilfreich sein, um sich an die eigene Stimme, den Rhythmus und das Tempo zu gewöhnen und ein Gefühl für die eigene Sprache zu entwickeln.
Diese Schritte lassen sich gut in alltägliche Situationen integrieren, zum Beispiel indem man sich die Audios während eines Spaziergangs im Wald noch einmal anhört. Bestimmte Vokabeln oder Zusammenfassungen auswendig zu lernen gehört ebenfalls dazu.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Austausch und die Zusammenarbeit in der Gruppe, da Lernen auch durch gemeinsames Arbeiten und gegenseitiges Ergänzen entsteht. In der Musik lassen sich diese Schritte sehr gut wiedererkennen: beim Abschreiben als Notenlesen und Harmonien verstehen, beim Vorlesen als rhythmisches Sprechen oder Textarbeit, beim eigenen Aufnehmen als Hören der eigenen Stimme und beim Üben von Tempo, Rhythmus und Ausdruck.
Auch Auswendiglernen fördert das innere Verankern von Sprachmelodien oder Texten. Das ist vergleichbar mit gemeinsamem Musizieren, bei dem sich jede und jeder einbringt und vom Zusammenklang getragen wird. Jeder hat sein eigenes Tempo, aber alle arbeiten an einem gemeinsamen Ziel.
Ich nutze binnendifferenzierende Methoden, wie sie auch im Musikunterricht üblich sind. Zum Beispiel arbeite ich mit Niveaustufen: Während einige einfache Sätze lesen, bearbeiten andere komplexere Texte. Immer wieder komme ich dabei zu einem zentralen Gedanken: Bei sich zu bleiben ist wesentlich. Zu meinen Teilnehmenden sage ich dann, dass das Leben die wirkliche Schule ist. Wenn wir aufmerksam sind, können wir viel fürs Leben lernen. Dranbleiben ist dabei entscheidend.
In der Musik würde ich das mit Stimmbildung vergleichen: Nicht jeder singt sofort eine Arie, aber jeder Mensch kann seinen eigenen Ton finden.
Die soziale Komponente ist entscheidend. Im Chor weiß ich: Nur, wenn alle zusammenarbeiten, entsteht Harmonie. Ähnlich ist es hier: Durch peer-to-peer-Lernen, wenn zum Beispiel Fortgeschrittene Neulingen helfen, entsteht eine supportive Lernkultur. Das stärkt das Selbstvertrauen und reduziert die Hemmschwelle, Fehler zu machen. Dadurch festigt sich das eigene Verständnis auf besondere Weise. Lernen wird dadurch vertieft, weil man bemüht ist, gelernte Inhalte in eigene Worte zu fassen. Dabei zeigt sich auch: Lernen ist kein einseitiges Nehmen, sondern immer ein Geben und Weitergeben.
Genau darin liegt oft ein großes Erfolgserlebnis: Wer anderen etwas erklärt, merkt, dass das eigene Wissen klarer und sicherer wird. So entsteht eine unterstützende Lernkultur und ein tragendes Miteinander, in dem Teilnehmende voneinander lernen und sich gegenseitig stärken.
Ich setze auf multisensorische Ansätze. Zum Beispiel lesen wir nicht nur Texte, sondern vertonen sie auch, etwa durch das Klatschen von Silben oder das Entwickeln von Reimgedichten. Das aktiviert verschiedene Lernkanäle und macht Spaß. In der Musikpädagogik spricht man von embodied learning – Lernen mit dem ganzen Körper, etwa durch Klatschen im Rhythmus der Silben. Das übernehme ich hier. Ich versuche dabei, mit Texten zu arbeiten, die inhaltlich ebenso intensiv wie sprachlich vielseitig sind. Oft beginnen wir damit, ein bestimmtes Grammatikthema anhand eines Textes zu erarbeiten und dabei gleichzeitig den Wortschatz zu erweitern. Schritt für Schritt machen wir uns mit dem Text vertraut. Im weiteren Verlauf vertiefen wir uns dann gemeinsam in Gespräche über den Inhalt.
Dabei versuche ich, Texte auszuwählen, die nicht nur sprachlich interessant sind, sondern auch Weisheit, Tiefe und unterschiedliche Gedankenwelten in sich tragen. So entsteht Lernen nicht nur über Sprache und Grammatik, sondern auch über Austausch, Reflexion und persönliche Begegnung mit dem Inhalt.
Eine Textstelle, die mich dabei immer wieder begleitet, stammt aus dem Buch "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry: "Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen", sagte der Fuchs. "Aber Du darfst sie nicht vergessen. Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was Du Dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine Rose verantwortlich …"
Die wahrscheinlich größte Überraschung für mich war zu erleben, wie viel Entwicklung entstehen kann, wenn Menschen sich gesehen und gehört fühlen und wie schnell sich Gruppendynamiken entwickeln, die das Lernen beschleunigen. In der Musik kenne ich das: Ein Chor, der zusammen übt, verbessert sich schneller als Einzelne. Oft braucht es am Anfang nur etwas Ermutigung, Geduld und einen geschützten Raum, damit Vertrauen wachsen kann. Überraschend war auch, wie schnell Teilnehmer, die anfangs kaum ein Wort lasen, plötzlich eigene Geschichten schreiben und vorlesen wollten.
In einer angenehmen Atmosphäre entstehen oft die schönsten Aha-Momente: "Ach so ist das!" oder "Das ist ja gar nicht so schwer!" Genau in solchen Augenblicken spürt man Freude, Dankbarkeit und die Motivation, weiterzulernen.
Ich glaube, ein Lehrer kann nur das wirklich weitergeben, was er selbst gelernt, verinnerlicht und empfangen hat. Und ich versuche, das Beste weiterzugeben, das ich selbst erfahren durfte: die Liebe zum Lernen, ganz gleich, ob es Sprache, Literatur, Musik oder andere Bereiche des Lebens betrifft.
In beiden Fällen geht es um Führung und Empathie. Eine Chorleiterin muss die Gruppe im Blick haben, aber auch jeden Einzelnen. Genauso ist es hier: Ich muss individuelle Bedürfnisse erkennen, ohne die Gruppe aus den Augen zu verlieren. Und vor allem: Ich muss Vertrauen schaffen, in die eigenen Fähigkeiten genauso wie in den Prozess. Wichtig ist, die Gruppe wahrzunehmen, Stärken gezielt einzusetzen und Schwächen behutsam zu stärken, zuzuhören und gleichzeitig eine gemeinsame Richtung zu geben.
Ich versuche, individuelle Bedürfnisse zu erkennen und dennoch ein gemeinsames Lernen und Miteinander entstehen zu lassen. Vor allem aber geht es darum, Vertrauen zu schaffen, in die eigenen Fähigkeiten ebenso wie in den Lernprozess selbst.
Und manchmal ist es ein tatsächlich bisschen wie im Chor: Man zeigt den Einsatz, nickt motivierend und hofft innerlich, dass alle ungefähr gleichzeitig starten!
Ich wünsche mir, dass wir diesen sicheren, inspirierenden Raum weiter ausbauen können, einen Ort, an dem sich jeder traut, Neues zu wagen, ohne Angst vor Fehlern zu haben. Vielleicht können wir in Zukunft sogar kooperative Projekte starten, wie eine kleine Lesebühne oder eine gemeinsame Textwerkstatt. Und natürlich hoffe ich, dass wir die Freude am Lesen noch mehr in den Vordergrund stellen können, denn am Ende geht es darum, dass jeder spürt: Ich kann das, es bringt mich weiter, und es macht Spaß!
Ein kleiner, ehrlicher Zusatz aus der Praxis: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wünschen sich meistens mehr. Mehr Zeit, mehr Austausch, mehr Übungen, mehr als "nur noch kurz eine Seite"… manchmal könnte man meinen, der Lesetreff habe ein eingebautes Zeitproblem. Wenn Lernen dazu führt, dass Menschen sagen "Können wir bitte noch weitermachen?", dann ist wird wohl vieles richtig gelaufen.

(Interview: Fachstelle Mai 2026, Fotos: Privat))