Interview mit Manfred Thiele von ZF TRW Automotive

Manfred Thiele hat Maschinenschlosser gelernt und sich danach zum staatlich geprüften Techniker weitergebildet. Beim weltweit tätigen Automobilzulieferer  ZF TRW Automotive in Schwäbisch Gmünd/Alfdorf  ist er als Ausbildungsmeister in der Arbeitsvorbereitung für den Prototypenbau tätig. Zurzeit ist er freigestellter Betriebsrat.

 

Wie sind Sie darauf aufmerksam geworden, dass es in Ihrem Unternehmen Menschen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten gibt?

Wir haben wahrgenommen, dass bei neu eingestellten Kolleginnen und Kollegen bei der Einweisung Probleme auftraten. Bei anderen fiel auf, dass Formulare nicht gelesen werden konnten oder im Fachbereich Anweisungen nicht verstanden wurden. Ich selbst war für diese Problematik schon sensibilisiert: Vor meiner Zeit bei ZF TRW beschäftigte ich, damals als Selbständiger, einen Mitarbeiter, der nur über die Lese- und Schreibkenntnisse eines Grundschülers verfügte. Er war aber in der Arbeit gut. Bei Schreibangelegenheiten, Formularen oder ähnlichem habe ich ihm dann immer geholfen.

Das Thema ist für Betroffene, aber auch Mitwissende häufig mit Scham oder Peinlichkeit verbunden. Wie sind Sie damit umgegangen?

Das Thema ist für viele Kolleginnen und Kollegen schwierig, für Betroffene wie für den mitwissenden Kollegenkreis. Andererseits gibt es aber auch viele, die mit ihren Lese- und Schreibschwierigkeiten sehr offen umgehen. Wir haben bei uns den Weg der direkten Ansprache gewählt und sind auf Leute einzeln und vertraulich zugegangen. Viele, die ich angesprochen habe, waren froh darüber, ein Angebot zum Lernen zu bekommen. Andere wiederum schämten sich oder befürchteten Nachteile, wenn sie „auffliegen“ würden. Es hat sich allerdings bei den letzteren gezeigt, dass sie häufig zu einem späteren Zeitpunkt noch in bestehende Kurse einsteigen. Hier motiviert das Vorbild der erfolgreichen Lerner. Ich glaube, dass eine bestehende Skepsis oder Blockaden am besten durch den persönlichen Austausch zwischen Kolleginnen und Kollegen abgebaut werden können. Das geht nicht von jetzt auf nachher, und wir lassen da bewusst größere zeitliche Spielräume.

Haben bessere Lese- und Schreibkenntnisse bei Kolleginnen und Kollegen dazu geführt, dass sie sich im Betrieb  weiterentwickeln konnten?

Sicher gibt es im Fertigungsbereich Kolleginnen und Kollegen, die sagen: „Ich bringe meine Stückzahl. Das reicht mir.“ Allerdings sind wir als Unternehmen und auch ich als Betriebsrat daran interessiert, dass sich Kolleginnen und Kollegen weiterentwickeln – aus betriebswirtschaftlichen und aus Gründen der persönlichen Wettbewerbsfähigkeit. Eine Kollegin zum Beispiel konnte nach dem erfolgreichen Besuch unserer betriebsinternen Kurse so gut lesen und schreiben, dass sie sich von einer reinen Anlernkraft zur Anlagenführerin entwickelte. Sie wickelt Aufträge jetzt eigenverantwortlich ab. Das bedeutet für sie nicht nur eine bessere Bezahlung, sondern ihre Verantwortung wurde erheblich erweitert. Ihre Arbeit macht ihr jetzt auch mehr Freude. Der Betrieb kann also durch solche Fortbildungsmaßnahmen eigenes Personal entwickeln und sich dadurch Rekrutierungs- und Einarbeitungskosten sparen. Auch sieht man an diesem Beispiel sehr gut, dass Personalentwicklung nicht nur in einer top-down-Perspektive gedacht werden darf.

Was hat Sie dazu bewegt, Kurse in den Betrieb zu holen?

Eigentlich ganz praktische Erwägungen: Man kann Leute nicht zwingen, einen Grundbildungskurs zu besuchen. Gleichzeitig ist es uns ein Anliegen, Kolleginnen und Kollegen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten zu unterstützen. Daher wollten wir ihnen ein möglichst niederschwelliges Angebot machen. Angebote außerhalb hätten teilweise Anfahrt bedeutet, aber hauptsächlich war unser Schichtsystem mit wechselnden Arbeitszeiten ausschlaggebend. Zusammen mit unserem Kursanbieter TA Technische Akademie Schwäbisch Gmünd entwickelten wir ein Kursangebot, das sich genau in unser Schichtsystem einpassen ließ. Die gesamte Planung und Verwaltung übernahm der Anbieter. Die Kurse finden jetzt immer unmittelbar vor oder nach einer Schicht statt, so dass sie als Teil der Arbeitszeit empfunden werden können. ZF TRW zahlt für die Kurse und stellt Räume und Infrastruktur bereit. Die Kurszeit selbst ist der Eigenbeitrag des Teilnehmers.

Mussten Sie innerhalb der Firma bei Entscheiderinnen und Entscheidern Überzeugungsarbeit leisten?

Nein, das kann ich so nicht sagen. Man muss aber einfach akzeptieren, dass Unternehmen keine karitativen Organisationen sind und dementsprechend auch bei Grundbildungsmaßnahmen den Gewinn für beide Seiten herausstellen. Nicht nur der Kollege oder die Kollegin steigert seinen bzw. ihren „Marktwert“ im Sinne der persönlichen Wettbewerbsfähigkeit. Die Firma profitiert ebenfalls, auch wenn es kein direkter oder kurzfristiger Benefit ist, der in einer Kennzahl dargestellt werden kann. Aber ein indirekter und nachhaltig wirkender Gegenwert ist gegeben. Ein Beispiel: Ein Vorarbeiter muss künftig dem Kollegen nicht fünf Mal erklären, wie ein Arbeitsablauf gegliedert ist – nur weil der ihn nicht versteht oder die Anweisungen nicht lesen kann. Dadurch wird wertvolle Arbeitszeit eingespart. Hochgerechnet kommen da in einem Jahr pro Kollege oder Kollegin bestimmt Stunden im mittleren zweistelligen Bereich zusammen.

Ein kurzes Fazit?

Wir führen die Kurse jetzt seit einigen Jahren sehr erfolgreich im Unternehmen durch. Von den Teilnehmenden bleiben rund 80 Prozent während der gesamten Kursdauer dabei und verbessern so ihre Lese- und Schreibkenntnisse. Aus vielen Rückmeldungen kann ich feststellen: Alle Teilnehmenden haben profitiert, sei es an ihrem Arbeitsplatz oder außerhalb im Privatbereich. Neben den „technischen“ Vorteilen, die Lesen- und Schreiben-Können mit sich bringen, ist mir bei fast allen erfolgreichen Lernern aufgefallen: Sie haben ein neues Selbstwertgefühl und nutzen ihre neu erworbenen Kompetenzen intensiv. Als erfolgreiche Lernende können sie danach im Betrieb Betroffene ganz anders ansprechen und sie motivieren, es ihnen gleich zu tun und an Kursen teilzunehmen. So ist unser Modell zu einem erfolgreichen Selbstläufer geworden. Wichtig war hierbei auch der Kursanbieter, der uns ein auf unsere Bedürfnisse passgenaues „Rundum-sorglos-Paket“ geschneidert hat. Zusammengefasst in einem Satz: Ein Erfolgsmodell, das sich bewährt hat und sich sicherlich weiter bewähren wird.

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