PIAAC und die Konsequenzen

Vortrag Dr. Hermann Huba

I. Einführung und Ergebnisse

Die PIAAC-Studie (PS, Programme for the International Assessement of Adult Competencies, 2013) ist eine PISA-Studie für Erwachsene. Sie misst die Qualifikationen Erwachsener hinsichtlich grundlegender Alltagsfertigkeiten des Lesens, des Rechnens und der Computer-Nutzung. Einige ausgewählte Ergebnisse:

  • Auch im höheren Erwachsenenalter ist das Kompetenzniveau noch vom Bildungsabschluss der Eltern geprägt. Das spricht für eine relativ feste soziale Schichtung und geringe soziale Mobilität aufgrund von Bildung: Soziale Herkunft und Bildungserfolg sind verhältnismäßig starr gekoppelt.
  • Die Teilnahme an Weiterbildung steigt und fällt mit dem bereits vorhandenen Kompetenzniveau. Hohe Kompetenz führt also zu mehr Weiterbildung, geringe Kompetenz zu weniger Weiterbildung. Das läuft auf eine Bildungsspaltung unserer Gesellschaft hinaus.
  • Das Land der Dichter/- und Denker/innen ist bei grundlegenden Kompetenzen im globalen Vergleich insgesamt nur mittelmäßig.
  • Der Anteil von Personen mit sehr geringen basalen Kompetenzen ist mit 18 Prozent in Deutschland alarmierend hoch.
  • Die Lesekompetenz, also beispielsweise die Fähigkeit, einen Beipackzettel zu lesen und zu verstehen, ist in Deutschland leicht unterdurchschnittlich.
  • Die alltagsmathematische Kompetenz, also die Rechenkompetenz, d. h. beispielsweise die Fähigkeit, ein Sonderangebot zu bewerten, ist leicht überdurchschnittlich.
  • Die technologiebasierte Problemlösungskompetenz, also etwa die Beurteilung des Informationsgehalts und der Vertrauenswürdigkeit einer Internetseite, liegt im OECD-Durchschnitt.
  • Ältere Erwachsene ab 45 Jahren verfügen über geringere Kompetenzen als jüngere.
  • Personen mit Migrationshintergrund erzielen im Mittel geringere Kompetenzwerte.

 

II. Konsequenzen

1. Soziale Mobilität

Das heißt, in sozialer Hinsicht sind wir nur wenig mobil. Deutlich mehr als die Hälfte unserer Kinder, nämlich 57 Prozent haben den gleichen Bildungsabschluss wie ihre Eltern. Weitere 24 Prozent bleiben sogar unter dem Bildungsabschluss ihrer Eltern. Macht 81 Prozent. Lediglich 19 Prozent schaffen einen höheren Bildungsabschluss als ihre Eltern.

2. Bildungsspaltung

Es ist zwar sicher überzogen, vom Bildungssystem die Lösung aller gesellschaftlichen Inklusions- und Integrationsprobleme, also das Zusammenhalten der Gesellschaft zu erwarten. Damit wäre das Bildungssystem heillos überfordert. Aber eine Verschärfung der Spaltung sollte es auch nicht verursachen. Daraus folgt: Wir brauchen mehr Grundbildung.

3. Integration und Sprache

Die PS zeigt, dass Personen mit Migrationshintergrund im Durchschnitt deutlich geringere Kompetenzwerte erzielen. Dabei muss man allerdings wissen, dass die PS in Deutschland nur in Deutsch durchgeführt wurde. Das Ergebnis ist demnach nicht etwa, dass Menschen mit Migrationshintergrund über geringere Intelligenz verfügen, sondern dass Muttersprachler besser abschneiden als Fremdsprachler. Das betont die Notwendigkeit guter, vor allem guter sprachlicher Integration.

4. Alter und Kompetenz

Die PS zeigt, dass die Kompetenzen mit zunehmendem Alter abnehmen. Das Mittel der Wahl gegen diese Entwicklung heißt lebenslanges Lernen. Auch wenn wir – vor allem in Fest- und Sonntagsreden – viel von lebenslangem Lernen, besser: lebensbegleitendem Lernen, hören, ist Lernen im Erwachsenenalter bei uns noch alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

5. Bedarf an Grundbildung

Deutschlands Schätze findet man bekanntlich nicht im Boden. Man muss sie vielmehr in den Köpfen der Menschen suchen und finden. Nicht nur, aber auch deshalb dürfen wir uns im Bildungsbereich nicht mit Mittelmäßigkeit zufrieden geben. Wie die PS zeigt, sind wir aber schon in den Grundkompetenzen lediglich Mittelmaß.

 

III. Die These

Daher lautet meine zentrale These: Wir brauchen – in Deutschland wie in Baden-Württemberg – mehr Alphabetisierung, mehr Grundbildung und mehr Allgemeinbildung. Bildung meint nicht nur mehr als Kompetenz. Bildung meint etwas qualitativ Anderes. Sie meint nicht die Herrschaft über die Situation, sondern die Herrschaft über die eigene Biografie, über das eigene Leben in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Damit ist unter Grundbildung mehr zu verstehen, als Lesen, Schreiben und Rechnen zu können. Grundbildung fasst alle Basiskompetenzen zusammen, um sich selbstbestimmt in allen Lebensbereichen beteiligen zu können: Neben Lesen, Schreiben und Rechnen tritt also auch die Kenntnis elementarer Zusammenhänge in anderen Lebensbereichen. Wir sprechen von politischer Grundbildung, von finanzieller und wirtschaftlicher Grundbildung, von kultureller, einschließlich interkultureller, von naturwissenschaftlicher Grundbildung von technischer, von fremdsprachlicher und von gesundheitlicher Grundbildung sowie von medialer, sozialer und psychologischer Grundbildung.

1. Die objektiven, die gesellschaftlichen Gründe für diese Forderung:

  • um im globalen Zusammenhang nicht nur mithalten, sondern auch eine ernstzunehmende Rolle spielen zu können.
  • um einen Zerfall unserer Gesellschaft als einheitlicher Kommunikationszusammenhang zu verhindern, also zur sozialen Inklusion und zur Integration. Oder einfach gesagt: um unsere Gesellschaft zusammenzuhalten.
  • als Antwort auf den demographischen Wandel.
  • zum Erhalt unserer sozialen Demokratie.

 

2. Daneben treten subjektive, auf den Einzelnen, auf das Individuum bezogene Gründe.

Wie bereits angedeutet, ist der Mensch (als Person) mehr als die Addition seiner Leistungsfähigkeiten. Die Person ist ein Ganzes. Und der Mensch ist nicht nur, ja nicht einmal zuerst ein „Zweckwesen“. Er ist nicht, um einen Zweck zu erfüllen. Er ist der Zweck, er ist Selbstzweck, er ist um seiner selbst willen. Nichts anders lesen wir bei Kant, bei Wilhelm von Humboldt und in Art. 1 Abs. 1 Satz 1 unserer Verfassung: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

 

IV. Fazit

Die PS beschreibt für Deutschland eine Bildungsrealität, die vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklung nach politischen Maßnahmen ruft, wenn nicht schreit. Eine zentrale politische Maßnahme muss die Ausweitung der Grundbildung sein, einschließlich der Ausweitung der Alphabetisierung und der weitergehenden Allgemeinbildung.

Auf der Grundlage eines humanistischen Bildungsbegriffs und angesichts unserer Staatsstrukturentscheidung für die soziale Demokratie darf diese Ausweitung der Grundbildung für alle nicht an finanziellen Zugangsbarrieren scheitern. Das erfordert die öffentliche, insbesondere die staatliche Förderung der Ausweitung der Grundbildung.

 

Vortrag von Verbandsdirektor Dr. Hermann Huba bei der Abteilungskonferenz Grundbildung des baden-württembergischen Volkshochschulverbands am 11. Dezember 2014